Anforderungen an die Prämienanpassung in der privaten Krankenversicherung

Die Begrün­dung einer Prä­mi­en­an­pas­sung in der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung erfor­dert nach § 203 Abs. 5 VVG die Anga­be der Rech­nungs­grund­la­ge (Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen oder Ster­be­wahr­schein­lich­keit), deren Ver­än­de­rung die Prä­mi­en­an­pas­sung ver­an­lasst hat. Dage­gen muss der Ver­si­che­rer nicht mit­tei­len, in wel­cher Höhe sich die­se Rech­nungs­grund­la­ge ver­än­dert hat. Er hat auch nicht die Ver­än­de­rung wei­te­rer Fak­to­ren, wel­che die Prä­mi­en­hö­he beein­flusst haben, wie z.B. des Rech­nungs­zin­ses, anzugeben.

In den bei­den hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fäl­len wand­ten sich die kla­gen­den Ver­si­che­rungs­neh­mer gegen meh­re­re Bei­trags­er­hö­hun­gen in den Jah­ren zwi­schen 2014 und 2017, die ihr pri­va­ter Kran­ken­ver­si­che­rer auf der Grund­la­ge von § 203 Abs. 2 VVG vor­ge­nom­men hatte.

Im ers­ten Ver­fah­ren1 bean­stan­de­te der Ver­si­che­rungs­neh­mer zuletzt nur noch die Mit­tei­lun­gen über die Grün­de für die Bei­trags­er­hö­hun­gen. Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Köln hat sei­ner Kla­ge statt­ge­ge­ben, die Unwirk­sam­keit der Prä­mi­en­an­pas­sun­gen für die Jah­re 2015 und 2016 fest­ge­stellt und den beklag­ten Ver­si­che­rer u.a. antrags­ge­mäß zur Rück­zah­lung der gezahl­ten Erhö­hungs­be­trä­ge ver­ur­teilt2. Das Ober­lan­des­ge­richt Köln hat dies im Wesent­li­chen dahin­ge­hend abge­än­dert, dass eine Unwirk­sam­keit der Prä­mi­en­an­pas­sun­gen nur bis zum 31.12.2017 fest­ge­stellt und der beklag­te Ver­si­che­rer nur zur Rück­zah­lung der bis zu die­sem Zeit­punkt auf die Prä­mi­en­an­pas­sun­gen für 2015 und 2016 gezahl­ten Erhö­hungs­be­trä­ge ver­ur­teilt wor­den ist3. Nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts waren die Mit­tei­lun­gen der Prä­mi­en­an­pas­sun­gen für die­se Jah­re nicht mit aus­rei­chen­den Grün­den ver­se­hen. Der Ver­si­che­rer habe die Begrün­dung jedoch in der Kla­ge­er­wi­de­rung nach­ge­holt, so dass der Man­gel von die­sem Zeit­punkt an geheilt gewe­sen sei und die Prä­mi­en­an­pas­sun­gen zum 1.01.2018 wirk­sam gewor­den seien.

Im zwei­ten Ver­fah­ren4 mach­te der Ver­si­che­rungs­neh­mer die for­mel­le und mate­ri­el­le Unwirk­sam­keit der Prä­mi­en­an­pas­sun­gen gel­tend. Sei­ne Kla­ge hat­te in den Vor­in­stan­zen vor dem Amts­ge­richt Schö­ne­berg5 und dem Land­ge­richt Ber­lin6 in vol­lem Umfang Erfolg. Der beklag­te Ver­si­che­rer ist unter ande­ren ver­ur­teilt wor­den, die bis zum 15.02.2017 auf die Prä­mi­en­er­hö­hun­gen für die Jah­re 2014, 2015 und 2017 gezahl­ten Erhö­hungs­be­trä­ge zurück­zu­zah­len. Das Land­ge­richt Bel­rin hat dies im Wesent­li­chen damit begrün­det, dass die Mit­tei­lun­gen über die Prä­mi­en­an­pas­sun­gen nicht den Min­dest­an­for­de­run­gen aus § 203 Abs. 5 VVG genüg­ten und die Prä­mi­en­an­pas­sun­gen des­we­gen nicht wirk­sam gewor­den seien.

Auf die hier­ge­gen gerich­te­ten Revi­sio­nen des Kran­ken­ver­si­che­rungs­un­ter­neh­mens hat der Bun­des­ge­richts­hof nun in bei­den Ver­fah­ren bestä­tigt, dass bei einer Prä­mi­en­an­pas­sung nach § 203 Abs. 2 VVG erst durch die Mit­tei­lung einer den Anfor­de­run­gen des § 203 Abs. 5 VVG genü­gen­den Begrün­dung die für die Wirk­sam­keit der Neu­fest­set­zung der Prä­mie ange­ord­ne­te Frist in Lauf gesetzt wird. Dabei muss, wie der Bun­des­ge­richts­hof jetzt ent­schie­den hat, ange­ge­ben wer­den, bei wel­cher Rech­nungs­grund­la­ge – Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen, Ster­be­wahr­schein­lich­keit oder bei­den – eine nicht nur vor­über­ge­hen­de und den fest­ge­leg­ten Schwel­len­wert über­schrei­ten­de Ver­än­de­rung ein­ge­tre­ten ist und damit die Neu­fest­set­zung nach § 203 Abs. 2 Satz 1 VVG ver­an­lasst wur­de. Dage­gen muss der Ver­si­che­rer nicht die genaue Höhe die­ser Ver­än­de­rung mit­tei­len. Er hat auch nicht die Ver­än­de­rung wei­te­rer Fak­to­ren, wel­che die Prä­mi­en­hö­he beein­flusst haben, wie z.B. des Rech­nungs­zin­ses anzugeben.

Der Geset­zes­wort­laut sieht im Fall der Prä­mi­en­an­pas­sung die Anga­be der „hier­für” maß­geb­li­chen Grün­de vor und macht damit deut­lich, dass sich die­se auf die kon­kret in Rede ste­hen­de Prä­mi­en­an­pas­sung bezie­hen müs­sen; eine all­ge­mei­ne Mit­tei­lung, die nur die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der Bei­trags­er­hö­hung wie­der­gibt, genügt danach nicht. Maß­geb­lich, d.h. ent­schei­dend für die Prä­mi­en­an­pas­sung ist gemäß § 203 Abs. 2 Satz 1 und 3 VVG die als nicht nur vor­über­ge­hend anzu­se­hen­de Ver­än­de­rung der bzw. einer der dort genann­ten Rech­nungs­grund­la­gen. Dage­gen ist die kon­kre­te Höhe der Ver­än­de­rung die­ser Rech­nungs­grund­la­gen eben­so wenig ent­schei­dend wie die Fra­ge, ob der über­schrit­te­ne Schwel­len­wert im Gesetz oder davon abwei­chend in den All­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen gere­gelt ist.

Die Geset­zes­be­grün­dung zeigt, dass der Gesetz­ge­ber im Rah­men der VVG-Reform 2008 kei­ne grund­sätz­li­che Neu­re­ge­lung für das Wirk­sam­wer­den einer Prä­mi­en­an­pas­sung beab­sich­tig­te, son­dern die Mit­tei­lungs­pflicht nur gering­fü­gig erwei­tern woll­te. Die Mit­tei­lung der maß­geb­li­chen Grün­de soll dem Ver­si­che­rungs­neh­mer zei­gen, was der Anlass für die kon­kre­te Prä­mi­en­an­pas­sung war. Sie erfüllt so den Zweck, dem Ver­si­che­rungs­neh­mer zu ver­deut­li­chen, dass weder sein indi­vi­du­el­les Ver­hal­ten noch eine freie Ent­schei­dung des Ver­si­che­rers Grund für die Bei­trags­er­hö­hung war, son­dern dass eine bestimm­te Ver­än­de­rung der Umstän­de dies auf­grund gesetz­li­cher Rege­lun­gen ver­an­lasst hat. Dage­gen hat die Mit­tei­lungs­pflicht nicht den Zweck, dem Ver­si­che­rungs­neh­mer eine Plau­si­bi­li­täts­kon­trol­le der Prä­mi­en­an­pas­sung zu ermöglichen.

Feh­len­de Anga­ben zu den Grün­den der Prä­mi­en­an­pas­sung kön­nen vom Ver­si­che­rer nach­ge­holt wer­den, set­zen aber erst ab Zugang die Frist für das Wirk­sam­wer­den der Prä­mi­en­an­pas­sung in Lauf und füh­ren nicht zu einer rück­wir­ken­den Hei­lung der unzu­rei­chen­den Begrün­dung. Erfolgt eine wei­te­re, dies­mal ins­ge­samt wirk­sa­me Prä­mi­en­an­pas­sung im betref­fen­den Tarif, hat der Ver­si­che­rungs­neh­mer jeden­falls ab dem Wirk­sam­wer­den die­ser Anpas­sung die Prä­mie in der damit fest­ge­setz­ten neu­en Gesamt­hö­he zu zahlen.

Nach die­sem Maß­stab ist das Ober­lan­des­ge­richt Köln im ers­ten Ver­fah­ren rechts­feh­ler­frei davon aus­ge­gan­gen, dass die von der Beklag­ten mit­ge­teil­ten Grün­de für die Prä­mi­en­er­hö­hun­gen zum 1.01.2015 und zum 1.01.2016 die Vor­aus­set­zun­gen der erfor­der­li­chen Mit­tei­lung nicht erfül­len. Da aber durch eine spä­te­re, aus­rei­chend begrün­de­te Prä­mi­en­an­pas­sung in einem der betrof­fe­nen Tari­fe die Prä­mie ab die­sem Zeit­punkt wirk­sam neu fest­ge­setzt wor­den war, hat der Bun­des­ge­richts­hof das Beru­fungs­ur­teil teil­wei­se abgeändert.

Im zwei­ten Ver­fah­ren hat das Land­ge­richt Ber­lin dage­gen eine der im Streit ste­hen­den Prä­mi­en­an­pas­sun­gen zu Unrecht für nicht aus­rei­chend begrün­det gehal­ten. Der Bun­des­ge­richts­hof hat daher des­sen Beru­fungs­ur­teil teil­wei­se auf­ge­ho­ben und die Sache inso­weit zu neu­er Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Land­ge­richt Ber­lin zurück­ver­wie­sen, damit es die mate­ri­el­le Recht­mä­ßig­keit die­ser Prä­mi­en­an­pas­sung prü­fen kann.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 16. Dezem­ber 2020 – – IV ZR 294/​19 und IV ZR 314/​19

  1. BGH – IV ZR 294/​19[]
  2. LG Köln, Urteil vom 29.08.2018 – 23 O 305/​17[]
  3. OLG Köln, Urteil vom 29.10.2019 – 9 U 127/​18[]
  4. BGH – IV ZR 314/​19[]
  5. AG Schö­ne­berg, Urteil vom 26.09.2018 – 14 C 62/​17[]
  6. LG Ber­lin, Urteil vom 07.11.2019 – 24 S 22/​18[]