Belehrung über das Widerrufsrecht

Die in § 8 Abs. 4 Satz 1 VVG a.F. bestimm­te Wider­rufs­frist von zehn Tagen ab Unter­zeich­nung des Ver­si­che­rungs­an­tra­ges beginnt in dem Fall, dass der Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht ord­nungs­ge­mäß im Sin­ne von § 8 Abs. 4 Satz 4 VVG a.F. belehrt wor­den ist, in ent­spre­chen­der Anwen­dung der Rege­lun­gen in § 2 Abs. 1 Satz 2 HWiG1 und § 7 Abs. 2 Satz 2 Ver­brKrG2 erst mit einer den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen ent­spre­chen­den Beleh­rung über das Wider­rufs­recht.

Ihrem Wort­laut nach ent­hält die Vor­schrift des § 8 Abs. 4 Satz 4 VVG a.F. zwar kei­ne über die Schrift­lich­keit hin­aus­ge­hen­den Vor­ga­ben zur Form der Beleh­rung. In zwei Beschlüs­sen vom 16.11.1995 hat der Bun­des­ge­richts­hof jedoch zu § 8 Abs. 4 Satz 4 VVG a.F. klar­ge­stellt, dass eine gesetz­lich ange­ord­ne­te Beleh­rung, damit sie ihren Zweck errei­chen kann, inhalt­lich mög­lichst umfas­send, unmiss­ver­ständ­lich und aus Sicht der Ver­brau­cher ein­deu­tig sein muss. Wei­ter erfor­dert der Zweck einer sol­chen Vor­schrift, dem auch der Sinn­ge­halt des Wor­tes „Beleh­rung” ent­spricht, eine Form der Beleh­rung, die dem Auf­klä­rungs­ziel Rech­nung trägt. Des­halb kann nur eine Erklä­rung, die dar­auf ange­legt ist, den Ange­spro­che­nen auf­merk­sam zu machen und das Wis­sen, um das es geht, zu ver­mit­teln, als Beleh­rung ange­se­hen wer­den3.

So ver­nein­te der Bun­des­ge­richts­hof jetzt die Ord­nungs­ge­mäß­hiet einer Beleh­rung im Antrags­for­mu­lar, da sie zur Auf­klä­rung des Ver­si­che­rungs­neh­mers über sein Wider­rufs­recht nicht geeig­net sei, in einem Fall, in dem die Beleh­rung am Ende eines län­ge­ren Absat­zes abge­druckt ist, der wei­te­re Infor­ma­tio­nen, unter ande­rem über das Erfor­der­nis wahr­heits­ge­mä­ßer Anga­ben, über die Unzweck­mä­ßig­keit der Auf­ga­be einer bestehen­den Ver­si­che­rung, über die Ver­wen­dung der Bei­trä­ge und über die Ent­wick­lung der Rück­kaufs­wer­te ent­hält. Inner­halb die­ses Absat­zes ist der Hin­weis auf das Wider­rufs­recht nicht her­vor­ge­ho­ben; viel­mehr ist der Absatz ins­ge­samt fett­ge­druckt. Der Hin­weis steht nicht unmit­tel­bar über der Unter­schrift des Ver­si­che­rungs­neh­mers, son­dern ihm folgt noch ein wei­te­rer, eben­falls fett­ge­druck­ter Absatz mit Hin­wei­sen auf die auf der Rück­sei­te abge­druck­ten Erklä­run­gen und Infor­ma­tio­nen zu den ein­zel­nen Ver­si­che­rungs­ar­ten. Weder der Fett­druck noch die Stel­lung der Beleh­rung im Antrags­for­mu­lar rei­chen daher aus, um eine Kennt­nis­nah­me des Ver­si­che­rungs­neh­mers hier­von zu gewährleisten.

Man­gels ord­nungs­ge­mä­ßer Beleh­rung hat­te der Lauf der Wider­rufs­frist nicht mit Antrags­un­ter­zeich­nung begonnen.

In § 8 Abs. 4 VVG a.F. fin­det sich zu den Fol­gen einer feh­len­den oder nicht aus­rei­chen­den Beleh­rung kei­ne Rege­lung. Dage­gen hat­te der Gesetz­ge­ber in dem am sel­ben Tag in Kraft getre­te­nen § 7 Abs. 2 Satz 2 und 3 Ver­brKrG aus­drück­lich bestimmt, dass der Lauf der Wider­rufs­frist erst mit Aus­hän­di­gung einer den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen ent­spre­chen­den Beleh­rung beginnt (Satz 2) und dass bei Feh­len der Beleh­rung das Wider­rufs­recht erst nach bei­der­seits voll­stän­di­ger Erbrin­gung der Leis­tung, spä­tes­tens jedoch ein Jahr nach Abga­be der auf den Abschluss des Kre­dit­ver­tra­ges gerich­te­ten Wil­lens­er­klä­rung des Ver­brau­chers erlischt (Satz 3). Auch nach § 2 Abs. 1 Satz 2 HWiG in der vom 01.05.1986 bis 30.09.2000 gül­ti­gen Fas­sung setzt der Lauf der Wider­rufs­frist die ord­nungs­ge­mä­ße Beleh­rung vor­aus; nach § 2 Abs. 1 Satz 4 HWiG erlischt das Wider­rufs­recht bei Feh­len der Beleh­rung erst einen Monat nach bei­der­seits voll­stän­di­ger Erbrin­gung der Leistung.

Zu der Fra­ge, ob auch in Fäl­len des § 8 Abs. 4 Satz 4 VVG a.F. der Beginn der Wider­rufs­frist von einer Beleh­rung abhängt, wer­den unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen vertreten.

Ein Teil der Lite­ra­tur legt die­se Vor­schrift dahin aus, dass der Lauf der Wider­rufs­frist erst mit der schrift­li­chen ord­nungs­ge­mä­ßen Wider­rufs­be­leh­rung beginnt4. Zur Begrün­dung die­ser Rechts­fol­ge wird auch auf eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 2 Abs. 1 Satz 2 HWiG und des § 7 Abs. 2 Satz 2 Ver­brKrG zurück­ge­grif­fen5 oder der Ein­wand der Frist­ver­säu­mung als treu­wid­rig ange­se­hen6. Eine Ver­bin­dung zwi­schen ord­nungs­ge­mä­ßer Wider­rufs­be­leh­rung und Lauf der Wider­rufs­frist wird wei­ter dar­aus abge­lei­tet, dass § 8 Abs. 4 Satz 4 VVG a.F. eine vor­ver­trag­li­che Infor­ma­ti­ons­pflicht des Ver­si­che­rers nor­mie­re, deren Ver­let­zung einen Scha­dens­er­satz­an­spruch des Ver­si­che­rungs­neh­mers aus Ver­schul­den bei Ver­trags­schluss aus­lö­se. Da der Ver­si­che­rungs­neh­mer einen Anspruch habe, so gestellt zu wer­den, wie er bei ord­nungs­ge­mä­ßer Wider­rufs­be­leh­rung stün­de, kön­ne er sein Wider­rufs­recht auch nach Ablauf der Wider­rufs­frist noch aus­üben7.

Dem­ge­gen­über fol­gern ande­re aus dem Feh­len einer Rege­lung zu den Aus­wir­kun­gen der unter­las­se­nen bzw. nicht ord­nungs­ge­mä­ßen Beleh­rung in § 8 Abs. 4 VVG a.F.unter Berück­sich­ti­gung der Rege­lun­gen im Haus­tür­wi­der­rufs­ge­setz und im damals neu­en Ver­brau­cher­kre­dit­ge­setz, dass die Rege­lungs­lü­cke vom Gesetz­ge­ber gewollt sei, so dass eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 2 Abs. 1 Satz 2 HWiG oder des § 7 Abs. 2 Satz 2 Ver­brKrG nicht in Betracht kom­me8.

Die zuerst genann­te Mei­nung ist zutref­fend. Nur eine Anknüp­fung des Beginns der Wider­rufs­frist an eine ord­nungs­ge­mä­ße Beleh­rung wird dem Zweck der Wider­rufs­be­leh­rung gerecht. Aus der Geset­zes­be­grün­dung zu § 8 Abs. 4 VVG a.F. lässt sich ent­neh­men, dass durch die Rege­lung eine Ver­bes­se­rung des Ver­brau­cher­schut­zes erreicht und zu die­sem Zweck im Hin­blick auf die Bereichs­aus­nah­me für das Ver­si­che­rungs­we­sen in § 6 Nr. 2 HWiG eine ver­si­che­rungs­ver­trags­recht­li­che Spe­zi­al­norm geschaf­fen wer­den soll­te. Dort heißt es wei­ter: „Wegen der Bedeu­tung der Beleh­rung über das Wider­rufs­recht bedarf die Beleh­rung der Schrift­form”9. Mit dem Ziel des Ver­brau­cher­schut­zes und der vom Gesetz­ge­ber her­vor­ge­ho­be­nen Bedeu­tung der Wider­rufs­be­leh­rung, die in der aus­drück­li­chen Nor­mie­rung des Erfor­der­nis­ses einer schrift­li­chen Beleh­rung zum Aus­druck kommt, lässt sich eine Fol­gen­lo­sig­keit ihres Feh­lens nicht ver­ein­ba­ren. Das in § 8 Abs. 4 Satz 1 VVG a.F. ein­ge­räum­te Recht, den Ver­trag bin­nen einer Frist von zehn Tagen nach Unter­zeich­nung des Ver­si­che­rungs­an­trags zu wider­ru­fen, lässt sich nur rea­li­sie­ren, wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer hier­von auch Kennt­nis erlangt oder zumin­dest die Mög­lich­keit der Kennt­nis­nah­me hat. Ein Ver­weis des Ver­si­che­rungs­neh­mers auf einen Scha­den­er­satz­an­spruch ist für einen effek­ti­ven Ver­brau­cher­schutz nicht aus­rei­chend, da dem Ver­si­che­rungs­neh­mer der Nach­weis oblä­ge, dass die Ver­let­zung der Pflicht zur Wider­rufs­be­leh­rung ursäch­lich für den Ver­trags­schluss bzw. das Fest­hal­ten am Ver­trag gewor­den und dass ihm hier­durch ein Scha­den ent­stan­den ist10.

Einer der­ar­ti­gen teleo­lo­gi­schen Aus­le­gung steht zwar der Wort­laut des § 8 Abs. 4 Satz 1 VVG a.F. ent­ge­gen, der den Lauf der Wider­rufs­frist allein an die Unter­zeich­nung des Antrags knüpft. Das Gesetz ent­hält ange­sichts der mit ihm bezweck­ten Stär­kung der Ver­brau­cher­rech­te aber eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke, die durch eine ent­spre­chen­de Anwen­dung der Rege­lun­gen des § 7 Abs. 2 Satz 2 Ver­brKrG und des § 2 Abs. 1 Satz 2 HWiG, die eben­falls einen effek­ti­ven Ver­brau­cher­schutz gewähr­leis­ten sol­len, geschlos­sen wer­den kann. Bei­de Rege­lun­gen sehen vor, dass der Lauf der Wider­rufs­frist erst mit Aus­hän­di­gung einer ord­nungs­ge­mä­ßen Beleh­rung beginnt. Der zugrun­de lie­gen­de Geset­zes­zweck, dass ein Wider­rufs­recht nur dann zum Ver­brau­cher­schutz geeig­net ist, wenn der Lauf der Wider­rufs­frist erst mit Erfül­lung der Ver­pflich­tung zur Beleh­rung über die­ses Recht beginnt, lässt sich auf das Wider­rufs­recht nach § 8 Abs. 4 VVG a.F. übertragen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. Okto­ber 2013 – IV ZR 52/​12

  1. in der Fas­sung vom 16.01.1986[]
  2. in der Fas­sung vom 17.12.1990[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 16.11.1995 – I ZR 25/​94, VersR 1996, 221 unter I 2; und I ZR 175/​93, VersR 1996, 313 unter II 1; eben­so KG r+s 2003, 98; zustim­mend: Johannsen/​Johannsen in Bruck/​Möller, VVG 8. Aufl. Bd. 3 Anm. E7 S. 302; ähn­lich OLG Stutt­gart VersR 1995, 202, 204; für eine druck­tech­nisch deut­lich gestal­te­te Beleh­rung: Prölss in Prölss/​Martin, VVG 25. Aufl. § 8 Anm. 10; Claus­sen, JR 1991, 360, 363; Schi­mi­kow­ski, ZfV 1991, 632, 635; Tes­ke, NJW 1991, 2793, 2798; a.A.: Koch, VersR 1991, 725, 729[]
  4. Prölss in Prölss/​Martin, VVG 25. Aufl. § 8 Anm. 10; Johannsen/​Johannsen in Bruck/​Möller, VVG 8. Aufl. Bd. 3 Anm. E7 S. 303; Koch, VersR 1991, 725, 729; ohne Begrün­dung Prä­ve, VW 1991, 488, 489[]
  5. Sieg, VersR 1992, 1; wohl auch Schi­mi­kow­ski, ZfV 1991, 632, 635 f.[]
  6. Claus­sen, JR 1991, 360, 363[]
  7. Tes­ke, NJW 1991, 2793, 2798 f.[]
  8. OLG Mün­chen VersR 1995, 1037, 1038; zustim­mend Römer in Römer/​Langheid, VVG 1. Aufl. § 8 Rn. 68; AG Hei­den­heim VersR 1992, 558; AG Köln VersR 2000, 41, 42[]
  9. BT-Drucks. 11/​8321, S. 12[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 19.09.2006 – XI ZR 204/​04, BGHZ 169, 109 Rn. 43[]