Das Widerrufsrecht in der Lebensversicherung

§ 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. ist unter Beach­tung des Urteils des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 19.12 20131 richt­li­ni­en­kon­form ein­schrän­kend aus­zu­le­gen. Danach ent­hält § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke, die richt­li­ni­en­kon­form der­ge­stalt zu schlie­ßen ist, dass die Vor­schrift im Bereich der Lebens- und Ren­ten­ver­si­che­rung und der Zusatz­ver­si­che­run­gen zur Lebens­ver­si­che­rung nicht anwend­bar ist, aber auf die übri­gen Ver­si­che­rungs­ar­ten unein­ge­schränkt Anwen­dung findet.

Im Fal­le der Unan­wend­bar­keit des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. besteht das Wider­spruchs­recht des Ver­si­che­rungs­neh­mers, der nicht ord­nungs­ge­mäß über sein Wider­spruchs­recht belehrt wor­den ist und/​oder die Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen oder eine Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on nicht erhal­ten hat, grund­sätz­lich fort.

Ist der Ver­si­che­rungs­ver­trag infol­ge eines recht­zei­ti­gen Wider­spruchs nicht wirk­sam zustan­de gekom­men, ist bei der berei­che­rungs­recht­li­chen Rück­ab­wick­lung der erlang­te Ver­si­che­rungs­schutz zu berücksichtigen.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall begehrt der kla­gen­de Ver­si­che­rungs­neh­mer Rück­zah­lung geleis­te­ter Ver­si­che­rungs­bei­trä­ge aus einer Ren­ten­ver­si­che­rung nach einem Wider­spruch gemäß § 5a Abs. 1 Satz 1 VVG a.F. und Scha­dens­er­satz wegen vor­ver­trag­li­cher Aufklärungspflichtverletzung.

Er bean­trag­te bei der beklag­ten Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft den Abschluss eines Ren­ten­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges mit Ver­trags­be­ginn zum 1.12 1998. Die All­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen und die Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on erhielt er mit Über­sen­dung des Ver­si­che­rungs­scheins. Dabei wur­de er nicht aus­rei­chend über sein Wider­spruchs­recht belehrt. Von Dezem­ber 1998 bis Dezem­ber 2002 zahl­te der Klä­ger Ver­si­che­rungs­bei­trä­ge in Höhe von ins­ge­samt 51.129, 15 €. Nach­dem er den Ver­trag im Juni 2007 gekün­digt hat­te, kehr­te ihm die Beklag­te im Sep­tem­ber 2007 einen Rück­kaufs­wert von 52.705, 94 € aus. Mit Schrei­ben vom 31.03.2008 erklär­te der Klä­ger den Wider­spruch nach § 5a Abs. 1 Satz 1 VVG a.F. gegen­über der Beklag­ten und for­der­te sie zur Rück­zah­lung aller Bei­trä­ge nebst Zin­sen auf.

In den Vor­in­stan­zen haben das Land­ge­richt und das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart die Kla­ge abge­wie­sen2, weil der Wider­spruch gegen das Zustan­de­kom­men des Ver­tra­ges gemäß § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. ver­fris­tet gewe­sen sei. Mit der Revi­si­on ver­folgt der Klä­ger sei­nen Zah­lungs­an­spruch weiter.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat dar­auf­hin dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zur Vor­ab­ent­schei­dung die Fra­ge vor­ge­legt, ob Art. 15 Abs. 1 Satz 1 der Zwei­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung unter Berück­sich­ti­gung des Art. 31 Abs. 1 der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung dahin aus­zu­le­gen ist, dass er einer Rege­lung wie in § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. ent­ge­gen­steht, nach der ein Rück­tritts- oder Wider­spruchs­recht spä­tes­tens ein Jahr nach Zah­lung der ers­ten Ver­si­che­rungs­prä­mie erlischt, selbst wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht über das Recht zum Rück­tritt oder Wider­spruch belehrt wor­den ist3. Der Uni­ons­ge­richts­hof hat die­se Vor­la­ge­fra­ge bejaht1. Nun­mehr hat der Bun­des­ge­richts­hof die sich aus der Ent­schei­dung des Uni­ons­ge­richts­hofs erge­ben­den Schluss­fol­ge­run­gen gezogen:

Bezüg­lich der Scha­dens­er­satz­for­de­rung hat der Bun­des­ge­richts­hof die Revi­si­on als unzu­läs­sig ver­wor­fen wor­den, weil sie inso­weit vom Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart nicht zuge­las­sen wor­den ist. Soweit der Klä­ger einen Berei­che­rungs­an­spruch gemäß § 812 Abs. 1 Satz 1 Alt. 1 BGB gel­tend macht, hat der Bun­des­ge­richts­hof das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sache an das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart zurückverwiesen.

Der Klä­ger kann dem Grun­de nach aus unge­recht­fer­tig­ter Berei­che­rung Rück­zah­lung der an die Beklag­te gezahl­ten Prä­mi­en ver­lan­gen, weil er die­se rechts­grund­los geleis­tet hat. Der zwi­schen den Par­tei­en abge­schlos­se­ne Ren­ten­ver­si­che­rungs­ver­trag ist auf der Grund­la­ge des § 5a VVG a.F. nicht wirk­sam zustan­de gekom­men, weil der Klä­ger recht­zei­tig den Wider­spruch erklärt hat. Soweit er sich dar­auf beruft, das Poli­cen­mo­dell als sol­ches sei euro­pa­rechts­wid­rig, konn­te der Bun­des­ge­richts­hof offen­las­sen, ob sich ein Ver­si­che­rungs­neh­mer, der ord­nungs­ge­mäß über sein Wider­spruchs­recht belehrt wor­den ist und die Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen sowie eine Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on erhal­ten hat, dar­auf nach Durch­füh­rung des Ver­tra­ges noch beru­fen könn­te. Jeden­falls wur­de die 14tägige Wider­spruchs­frist gemäß § 5a Abs. 1 Satz 1 VVG a.F. gegen­über dem Klä­ger nicht in Lauf gesetzt, da er nach den für das Revi­si­ons­ver­fah­ren bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts mit Über­sen­dung des Ver­si­che­rungs­scheins nicht in druck­tech­nisch deut­li­cher Form i.S. von § 5a Abs. 2 Satz 1 VVG a.F. über sein Wider­spruchs­recht belehrt wurde.

Nach­dem der Klä­ger die ers­te von ihm geschul­de­te Prä­mie im Dezem­ber 1998 gezahlt hat­te, wäre gemäß § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. sein Recht zum Wider­spruch längst erlo­schen gewe­sen, als er die­sen im März 2008 erklär­te. Indes bestand sein Wider­spruchs­recht nach Ablauf der Jah­res­frist und noch im Zeit­punkt der Wider­spruchs­er­klä­rung fort. Das ergibt sich aus einer richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. auf der Grund­la­ge der Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on. Die Vor­schrift weist eine ver­deck­te Rege­lungs­lü­cke im Sin­ne einer plan­wid­ri­gen Unvoll­stän­dig­keit des Geset­zes auf. Sie steht in Wider­spruch zu dem mit dem Gesetz ver­folg­ten Grund­an­lie­gen, die Drit­te Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung ord­nungs­ge­mäß in deut­sches Recht umzu­set­zen. Die Rege­lung ist richt­li­ni­en­kon­form der­ge­stalt zu redu­zie­ren, dass sie im Anwen­dungs­be­reich der Zwei­ten und der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung kei­ne Anwen­dung fin­det und für davon erfass­te Lebens- und Ren­ten­ver­si­che­run­gen sowie Zusatz­ver­si­che­run­gen zur Lebens­ver­si­che­rung grund­sätz­lich ein Wider­spruchs­recht fort­be­steht, wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht ord­nungs­ge­mäß über sein Recht zum Wider­spruch belehrt wor­den ist und/​oder die Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on oder die Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen nicht erhal­ten hat. Hin­ge­gen ist § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. für alle Ver­si­che­rungs­ar­ten außer­halb des Bereichs der Richt­li­ni­en unver­än­dert anwendbar.

Der Höhe nach umfasst der Berei­che­rungs­an­spruch des Klä­gers nicht unein­ge­schränkt alle Prä­mi­en, die er an die Beklag­te gezahlt hat, ohne hier­zu durch einen wirk­sa­men Ver­si­che­rungs­ver­trag ver­pflich­tet gewe­sen zu sein. Im Rah­men einer gemein­schafts­recht­lich gefor­der­ten rechts­fort­bil­den­den Aus­le­gung einer natio­na­len Norm darf bei der Rege­lung der Rechts­fol­gen des Wider­spruchs nach natio­na­lem Recht ein ver­nünf­ti­ger Aus­gleich und eine gerech­te Risi­ko­ver­tei­lung zwi­schen den Betei­lig­ten her­ge­stellt wer­den. Der Ver­si­che­rungs­neh­mer hat wäh­rend der Prä­mi­en­zah­lung Ver­si­che­rungs­schutz genos­sen. Erlang­ter Ver­si­che­rungs­schutz ist ein Ver­mö­gens­vor­teil, des­sen Wert zu erset­zen sein kann. Die­ser kann unter Berück­sich­ti­gung der Prä­mi­en­kal­ku­la­ti­on bemes­sen wer­den; bei Lebens­ver­si­che­run­gen kann etwa dem Risi­ko­an­teil Bedeu­tung zukom­men. Hier­zu wird das Beru­fungs­ge­richt noch Fest­stel­lun­gen zu tref­fen haben. 

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Mai 2014 – IV ZR 76/​11

  1. EuGH, Urteil vom 19.12 2013 – C‑209/​12, VersR 2014, 225[][]
  2. LG Stutt­gart, Urteil vom 13.07.2010 – 22 O 587/​09; OLG Stutt­gart, Urteil vom 31.03.2011 – 7 U 147/​10[]
  3. BGH, Beschluss vom 28.03.2012- IV ZR 76/​11, VersR 2012, 608[]