Die Betriebsschließungsversicherung in Corona-Zeiten

Einem Ver­si­che­rungs­neh­mer ste­hen aus einer Betriebs­schlie­ßungs­ver­si­che­rung wegen einer im Zusam­men­hang mit der COVID-19-Pan­de­mie erfolg­ten Schlie­ßung der von ihm betrie­be­nen Gast­stät­te auf der Grund­la­ge der ver­ein­bar­ten Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen kei­ne Ansprü­che zu.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall unter­hält der kla­gen­de Gast­wirt bei dem beklag­ten Ver­si­che­rer eine Betriebs­schlie­ßungs­ver­si­che­rung. Er begehrt die Fest­stel­lung, dass der beklag­te Ver­si­che­rer ver­pflich­tet ist, ihm auf­grund der coro­nabe­ding­ten Schlie­ßung sei­nes Restau­rants eine Ent­schä­di­gung aus die­ser Ver­si­che­rung zu zahlen.

Dem Ver­si­che­rungs­ver­trag lie­gen die „Zusatz­be­din­gun­gen für die Ver­si­che­rung von Betrie­ben gegen Schä­den auf­grund behörd­li­cher Anord­nung nach dem Infek­ti­ons­schutz­ge­setz (Betriebs­schlie­ßung) – 2008 (ZBSV 08)” zugrun­de. Nach § 3 Nr. 1 Buchst. a ZBSV 08 ersetzt der Ver­si­che­rer dem Ver­si­che­rungs­neh­mer im Fal­le einer bedin­gungs­ge­mä­ßen Betriebs­schlie­ßung den Ertrags­aus­fall­scha­den bis zu einer Haft­zeit von 30 Tagen. Die ZBSV 08 lau­ten auszugsweise:

§ 2 Ver­si­cher­te Gefahren

Ver­si­che­rungs­um­fang

Der Ver­si­che­rer leis­tet Ent­schä­di­gung, wenn die zustän­di­ge Behör­de auf­grund des Geset­zes zur Ver­hü­tung und Bekämp­fung von Infek­ti­ons­krank­hei­ten beim Men­schen (Infek­ti­ons­schutz­ge­setz – IfSG) beim Auf­tre­ten mel­de­pflich­ti­ger Krank­hei­ten oder Krank­heits­er­re­ger (sie­he Nr. 2)

den ver­si­cher­ten Betrieb oder eine ver­si­cher­te Betriebs­stät­te zur Ver­hin­de­rung der Ver­brei­tung von mel­de­pflich­ti­gen Krank­hei­ten oder Krank­heits­er­re­gern beim Men­schen schließt; Tätig­keits­ver­bo­te gegen sämt­li­che Betriebs­an­ge­hö­ri­ge eines Betrie­bes oder einer Betriebs­stät­te wer­den einer Betriebs­schlie­ßung gleichgestellt;

Mel­de­pflich­ti­ge Krank­hei­ten und Krankheitserreger

Mel­de­pflich­ti­ge Krank­hei­ten und Krank­heits­er­re­ger im Sin­ne die­ser Zusatz­be­din­gun­gen sind die fol­gen­den, im Infek­ti­ons­schutz­ge­setz in den §§ 6 und 7 nament­lich genann­ten Krank­hei­ten und Krankheitserreger:

Krank­hei­ten: …

Krank­heits­er­re­ger: …

…”

In § 2 Nr. 2 Buchst. a und b ZBSV 08 wer­den weder die Coro­na­vi­rus-Krank­heit-2019 (COVID-19) noch das Seve­re-Acu­te-Respi­ra­to­ry-Syn­dro­me-Coro­na­vi­rus (SARS-CoV) oder das Seve­re-Acu­te-Respi­ra­to­ry-Syn­dro­me-Coro­na­vi­rus­‑2 (SARS-CoV‑2) auf­ge­führt. Die Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Lan­des­re­gie­rung ord­ne­te mit der am 18. März 2020 in Kraft getre­te­nen Lan­des­ver­ord­nung über Maß­nah­men zur Bekämp­fung der Aus­brei­tung des neu­ar­ti­gen Coro­na­vi­rus SARS-CoV‑2 in Schles­wig-Hol­stein (SARS-CoV-2-Bekämp­fungs­ver­ord­nung – SARS-CoV-2-BekämpfV) vom 17. März 2020 unter ande­rem die Schlie­ßung von sämt­li­chen Gast­stät­ten an, wobei Leis­tun­gen im Rah­men eines Außer­haus­ver­kaufs unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen zuläs­sig waren. Der Gast­wirt schloss dar­auf­hin sei­ne Gast­stät­te und bot einen Lie­fer­dienst an.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Lübeck hat die Kla­ge des Gast­wirts auf Leis­tung aus der Betriebs­schlie­ßungs­ver­si­che­rung abge­wie­sen1, das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­lan­des­ge­richt sei­ne Beru­fung zurück­ge­wie­sen2. Der Bun­des­ge­richts­hof bestä­tig­te nun die Ent­schei­dun­gen der Vor­in­stan­zen und wies auch die Revi­si­on des Gast­wirts zurück:

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ober­lan­des­ge­richts setzt der Ein­tritt des Ver­si­che­rungs­falls zwar nicht die Ver­wirk­li­chung einer aus dem Betrieb selbst erwach­sen­den, soge­nann­ten intrinsi­schen, Infek­ti­ons­ge­fahr vor­aus. Zu Recht hat das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­lan­des­ge­richt aber ange­nom­men, dass dem Gast­wirt gegen die Ver­si­che­rung kei­ne Ansprü­che zuste­hen, weil eine Betriebs­schlie­ßung zur Ver­hin­de­rung der Ver­brei­tung der Krank­heit COVID-19 oder des Krank­heits­er­re­gers SARS-CoV‑2 nicht vom Ver­si­che­rungs­schutz umfasst ist. Nach § 2 Nr. 1 Buchst. a Halb­satz 1 ZBSV 08 besteht Ver­si­che­rungs­schutz nur für Betriebs­schlie­ßun­gen, die zur Ver­hin­de­rung der Ver­brei­tung von mel­de­pflich­ti­gen Krank­hei­ten oder Krank­heits­er­re­gern ange­ord­net wer­den. Die mel­de­pflich­ti­gen Krank­hei­ten oder Krank­heits­er­re­ger erge­ben sich aus dem Kata­log in § 2 Nr. 2 ZBSV 08, der nach dem für die Aus­le­gung von All­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen maß­geb­li­chen Ver­ständ­nis des durch­schnitt­li­chen Ver­si­che­rungs­neh­mers abschlie­ßend ist und weder die Krank­heit COVID-19 noch den Krank­heits­er­re­ger SARS-CoV‑2 auf­führt. Der durch­schnitt­li­che Ver­si­che­rungs­neh­mer wird sich zunächst am Wort­laut ori­en­tie­ren und in § 2 Nr. 1 ZBSV 08 dem Klam­mer­zu­satz „(sie­he Nr. 2)” hin­ter den Wor­ten „mel­de­pflich­ti­ger Krank­hei­ten oder Krank­heits­er­re­ger” ent­neh­men, dass die vom Ver­si­che­rungs­schutz umfass­ten mel­de­pflich­ti­gen Krank­hei­ten und Krank­heits­er­re­ger in § 2 Nr. 2 ZBSV 08 näher bestimmt wer­den. Sodann wird er die­se Klau­sel in den Blick neh­men und an der Über­schrift „2. Mel­de­pflich­ti­ge Krank­hei­ten oder Krank­heits­er­re­ger” und der anschlie­ßen­den For­mu­lie­rung „Mel­de­pflich­ti­ge Krank­hei­ten und Krank­heits­er­re­ger im Sin­ne die­ser Zusatz­be­din­gun­gen sind …” erken­nen, dass inso­weit eine eigen­stän­di­ge Defi­ni­ti­on in den Bedin­gun­gen erfolgt. Die anschlie­ßen­de umfang­rei­che Auf­zäh­lung von Krank­hei­ten und Krank­heits­er­re­gern wird er als abschlie­ßend erachten.

Die ergän­zen­de Bezug­nah­me in § 2 Nr. 2 ZBSV 08 auf die „im Infek­ti­ons­schutz­ge­setz in den §§ 6 und 7 nament­lich genann­ten” Krank­hei­ten und Krank­heits­er­re­ger wird der durch­schnitt­li­che Ver­si­che­rungs­neh­mer ledig­lich als Klar­stel­lung ver­ste­hen, dass sich die Ver­si­che­rung bei der Abfas­sung des Kata­logs inhalt­lich an §§ 6 und 7 IfSG ori­en­tiert hat. Ein ande­res Ver­ständ­nis folgt auch nicht aus dem Begriff „nament­lich”.

Der erkenn­ba­re Zweck und Sinn­zu­sam­men­hang der Klau­sel spricht eben­falls für die Abge­schlos­sen­heit des Kata­logs. Der durch­schnitt­li­che Ver­si­che­rungs­neh­mer wird zwar einer­seits ein Inter­es­se an einem mög­lichst umfas­sen­den Ver­si­che­rungs­schutz haben, ande­rer­seits aber nicht davon aus­ge­hen kön­nen, dass der Ver­si­che­rer auch für nicht im Kata­log auf­ge­führ­te Krank­hei­ten und Krank­heits­er­re­ger die Deckung über­neh­men will, die – wie hier COVID-19/SARS-CoV‑2 gera­de zeigt – u.U. erst Jah­re nach Ver­trags­schluss auf­tre­ten und bei denen für den Ver­si­che­rer wegen der Unklar­heit des Haf­tungs­ri­si­kos kei­ne sach­ge­rech­te Prä­mi­en­kal­ku­la­ti­on mög­lich ist.

Die Klau­sel hält auch der Inhalts­kon­trol­le gemäß § 307 Abs. 1 und 2 BGB stand. § 2 Nr. 2 ZBSV 08 ver­stößt ins­be­son­de­re nicht gegen das Trans­pa­renz­ge­bot des § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB. Der durch­schnitt­li­che Ver­si­che­rungs­neh­mer ent­nimmt – wie dar­ge­stellt – dem kla­ren Wort­laut der Bedin­gun­gen, dass in § 2 Nr. 2 ZBSV 08 die mel­de­pflich­ti­gen Krank­hei­ten und Krank­heits­er­re­ger abschlie­ßend defi­niert wer­den. Ihm wird durch die Bedin­gun­gen nicht der Ein­druck ver­mit­telt, dass jede Betriebs­schlie­ßung auf der Grund­la­ge des Infek­ti­ons­schutz­ge­set­zes vom Ver­si­che­rungs­schutz erfasst sei. Offen­blei­ben konn­te, ob die hier in § 2 Nr. 2 ZBSV 08 genann­ten Krank­hei­ten und Krank­heits­er­re­ger iden­tisch mit den im Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses in den §§ 6 und 7 IfSG genann­ten Krank­hei­ten und Krank­heits­er­re­gern sind. Auch im Fal­le feh­len­der Deckungs­gleich­heit ergibt sich hier­aus kei­ne Intrans­pa­renz. Schließ­lich benach­tei­ligt die Klau­sel den Ver­si­che­rungs­neh­mer auch nicht nach § 307 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 BGB unangemessen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. Janu­ar 2022 – IV ZR 144/​21

  1. LG Lübeck, Urteil vom 08.01.2021 – 4 O 164/​20[]
  2. OLG Schles­wig, Urteil vom 10.05.2021 – 16 U 25/​21[]