Lebensversicherungen – und das ewige Widerspruchsrecht

Die par­ti­el­le Nicht­an­wen­dung von § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a. F. im Bereich der Lebens­ver­si­che­run­gen ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu beanstanden.

So hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt jetzt zwei Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen Urtei­le des Bun­des­ge­richts­hofs 1 zum Wider­spruch gegen Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge auf Grund­la­ge der zwi­schen­zeit­lich außer Kraft getre­te­nen Rege­lung des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a. F., die vom 29.07.1994 bis zum 31.12 2007 gegol­ten hat, nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men. Die vom Bun­des­ge­richts­hof im Wege der richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung vor­ge­nom­me­ne Ein­schrän­kung des Anwen­dungs­be­reichs der Norm und die damit ein­her­ge­hen­de Ein­räu­mung eines „ewi­gen” Wider­spruchs­rechts im Bereich der Lebens­ver­si­che­run­gen, wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht ord­nungs­ge­mäß über sein Wider­spruchs­recht belehrt wor­den war oder die Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on oder die Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen nicht erhal­ten hat, ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu beanstanden.

Die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zum „ewigen” Widerspruchsrecht

Die Klä­ger der bei­den Aus­gangs­ver­fah­ren schlos­sen in den Jah­ren 1999 und 2003 im Wege des in § 5a VVG a. F. gere­gel­ten „Poli­cen­mo­dells” fonds­ge­bun­de­ne Lebens­ver­si­che­run­gen sowie eine fonds­ge­bun­de­ne Ren­ten­ver­si­che­rung bei der beklag­ten Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft ab. Die Klä­ger wider­spra­chen dem Ver­trags­schluss in den Jah­ren 2010 bezie­hungs­wei­se 2013. Die von den Klä­gern gegen die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft erho­be­nen Kla­gen, die unter ande­rem jeweils auf Rück­zah­lung der den Rück­kaufs­wert über­stei­gen­den, von ihnen gezahl­ten Ver­si­che­rungs­prä­mi­en gerich­tet waren, hat­ten vor dem Bun­des­ge­richts­hof teil­wei­se Erfolg 2.

Zur Begrün­dung des Anspruchs der Klä­ger führ­te der Bun­des­ge­richts­hof aus, dass die Klä­ger nicht ord­nungs­ge­mäß über ihr Wider­spruchs­recht belehrt wor­den sei­en. Für einen sol­chen Fall habe § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a. F. zwar bestimmt, dass das Wider­spruchs­recht ein Jahr nach Zah­lung der ers­ten Prä­mie erlö­sche. Die erst in den Jah­ren 2010 und 2013 erklär­ten Wider­sprü­che sei­en jedoch unge­ach­tet die­ser Jah­res­frist recht­zei­tig erfolgt. Denn die Wider­spruchs­frist sei in Erman­ge­lung einer ord­nungs­ge­mä­ßen Wider­spruchs­be­leh­rung nicht in Lauf gesetzt wor­den. Das erge­be eine richt­li­ni­en­kon­for­me, an der Zwei­ten und der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung ori­en­tier­te Aus­le­gung des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a. F. auf der Grund­la­ge der Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 19.12 2013 3. Dies hat zur Fol­ge, dass die Jah­res­frist für das Erlö­schen des Wider­spruchs­rechts nur noch im Bereich der Ver­si­che­run­gen ande­rer Art, nament­lich der Sach­scha­den­ver­si­che­run­gen anwend­bar ist.

Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts[↑]

Mit ihren Ver­fas­sungs­be­schwer­den wen­det sich die von den bei­den Urtei­len des Bun­des­ge­richts­hof betrof­fe­ne Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft gegen die Urtei­le des Bun­des­ge­richts­hofs und rügt unter ande­rem die Ver­let­zung der Gren­zen rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung und Geset­zes­bin­dung aus Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 2 Satz 2, Abs. 3 GG.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de man­gels Erfolgs­aus­sich­ten nicht zur Ent­schei­dung angenommen:

Die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ge­richts­hofs wah­ren die ver­fas­sungs­recht­li­chen Gren­zen der rich­ter­li­chen Rechts­fin­dung und Geset­zes­bin­dung und ver­let­zen die Beschwer­de­füh­re­rin nicht in ihrem Recht aus Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 2 Satz 2 und Abs. 3 GG.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat durch sei­ne Urtei­le die gesetz­ge­be­ri­sche Grund­ent­schei­dung respek­tiert, den erkenn­ba­ren, ursprüng­li­chen Wil­len des Gesetz­ge­bers nicht bei­sei­te­ge­scho­ben und den vom Gesetz­ge­ber fest­ge­leg­ten Sinn und Zweck der Rege­lung des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a. F. unter Beach­tung der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zur Aus­le­gung der Richt­li­ni­en zur Lebens­ver­si­che­rung mög­lichst weit­ge­hend zur Gel­tung gebracht.

Es ist jeden­falls ver­tret­bar und damit ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, dass der Bun­des­ge­richts­hof davon aus­ge­gan­gen ist, die Rege­lung des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a. F. ste­he mit dem Ziel des Gesetz­ge­bers in Kon­flikt, die Drit­te Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung ord­nungs­ge­mäß umzu­set­zen. Indem der Bun­des­ge­richts­hof die Wir­kung der Norm – die Aus­schluss­frist von einem Jahr für den Wider­spruch – auf „Ver­si­che­run­gen ande­rer Art“ beschränkt, ent­spricht er inso­weit dem Wil­len des natio­na­len Gesetz­ge­bers, trägt zugleich aber den gewan­del­ten Bedin­gun­gen Rech­nung, die sich aus den Anfor­de­run­gen des Uni­ons­rechts in der spä­te­ren Aus­le­gung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ergeben.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat dabei von den aner­kann­ten Metho­den der Geset­zes­aus­le­gung auch in ver­tret­ba­rer Wei­se Gebrauch gemacht und die Gren­zen her­kömm­li­cher Geset­zes­in­ter­pre­ta­ti­on und rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung nicht überschritten.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 23. Mai 2016 – 1 BvR 2230/​15 – 1 BvR 2231/​15

  1. BGH, Urtei­le vom 29.07.2015 – IV ZR 448/​14 und IV ZR 384/​14[]
  2. BGH, Urtei­le vom 29.07.2015 – IV ZR 448/​14, IV ZR 384/​14[]
  3. - C‑209/​12[]