Policenmodell – und die Treuwidrigkeit des zunächst vertragstreuen Versicherungsnehmers

Dem Ver­si­che­rungs­neh­mer ist es auch im Fal­le einer unter­stell­ten Gemein­schafts­rechts­wid­rig­keit des Poli­cen­mo­dells nach Treu und Glau­ben wegen wider­sprüch­li­cher Rechts­aus­übung ver­wehrt, sich nach jah­re­lan­ger Durch­füh­rung des Ver­tra­ges auf des­sen angeb­li­che Unwirk­sam­keit zu beru­fen und dar­aus Berei­che­rungs­an­sprü­che her­zu­lei­ten 1.

Ob nach dem Poli­cen­mo­dell geschlos­se­ne Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge wegen Gemein­schafts­rechts­wid­rig­keit des § 5a VVG a.F. Wirk­sam­keits­zwei­feln unter­lie­gen 2, kann in einem sol­chen Fall dahin­ste­hen. Die begehr­te Vor­la­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on schei­det bereits des­halb aus, weil es auf die Fra­ge, ob das Poli­cen­mo­dell mit den genann­ten Richt­li­ni­en unver­ein­bar ist, hier nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich ankommt.

Der Ver­si­che­rungs­neh­mer ver­hielt sich objek­tiv wider­sprüch­lich: Die zumin­dest ver­trag­lich ein­ge­räum­te und bekannt gemach­te Wider­spruchs­frist ließ er bei Ver­trags­schluss 1998 unge­nutzt ver­strei­chen und zahl­te mehr als 11 Jah­re die Ver­si­che­rungs­prä­mi­en und ließ nach der Kün­di­gung noch­mals mehr als zwei Jah­re bis zur Erklä­rung des Wider­spruchs nach § 5a VVG a.F. ver­ge­hen. Die jah­re­lan­gen Prä­mi­en­zah­lun­gen des bereits bei Ver­trags­schluss über die Mög­lich­keit, den Ver­trag nicht zustan­de kom­men zu las­sen, belehr­ten Ver­si­che­rungs­neh­mers haben bei der Ver­si­che­rung ein schutz­wür­di­ges Ver­trau­en in den Bestand des Ver­tra­ges begrün­det. Die­se ver­trau­ens­be­grün­den­de Wir­kung war für den Ver­si­che­rungs­neh­mer auch erkenn­bar.

Die Maß­stä­be für die Berück­sich­ti­gung der Gesichts­punk­te von Treu und Glau­ben in der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on auch geklärt 3 und die Annah­me rechts­miss­bräuch­li­chen Ver­hal­tens steht in Fäl­len wie dem vor­lie­gen­den in Ein­klang mit die­ser Recht­spre­chung 4.

Die Fra­ge, ob ver­brau­cher­schüt­zen­de Wider­spruchs­rech­te durch natio­na­le Vor­schrif­ten zum Rechts­miss­brauch beschränkt wer­den dürf­ten, berührt zwar das Gebot der prak­ti­schen Wirk­sam­keit. Der Anwen­dung des Grund­sat­zes von Treu und Glau­ben und des Ver­bots wider­sprüch­li­cher Rechts­aus­übung steht dies aber nicht ent­ge­gen, weil die Aus­übung die­ser Rech­te in das natio­na­le Zivil­recht ein­ge­bet­tet bleibt und die natio­na­len Gerich­te ein miss­bräuch­li­ches Ver­hal­ten auch nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on berück­sich­ti­gen dür­fen 5.

Die Anwen­dung der Grund­sät­ze von Treu und Glau­ben beein­träch­tigt auch ange­sichts der beson­de­ren Umstän­de des Streit­fal­les die prak­ti­sche Wirk­sam­keit des Gemein­schafts­rechts und den Sinn und Zweck des Wider­spruchs­rechts nicht. Die Erwä­gun­gen der Zwei­ten und Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung, eine genaue Beleh­rung der Ver­si­che­rungs­neh­mer über ihr Rück­tritts­recht vor Abschluss des Ver­tra­ges sicher­zu­stel­len, wer­den auch hier nicht berührt, denn ent­schei­dend ist im Streit­fall, dass d. VN, die dem gel­ten­den natio­na­len Recht ent­spre­chend ord­nungs­ge­mäß über die Mög­lich­keit belehrt wor­den ist, den Ver­trag ohne Nach­tei­le nicht zustan­de kom­men zu las­sen, die­sen gleich­wohl in Voll­zug gesetzt und ihn über meh­re­re Jah­re durch­ge­führt hat 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschlüs­se vom 19. Okto­ber 2015 – und vom 7. Janu­ar 2016 – IV ZR 21/​14

  1. vgl. im Ein­zel­nen zu den Maß­stä­ben BGH, Urteil vom 16.07.2014 aaO Rn. 3242; BVerfG aaO Rn. 42 ff.[]
  2. vgl. dazu BGH, Urteil vom 16.07.2014 – IV ZR 73/​13, BGHZ 202, 102 Rn. 16 ff.; BVerfG VersR 2015, 693 Rn. 30 ff.[]
  3. sie­he im Ein­zel­nen BGH, Urteil vom 16.07.2014 – IV ZR 73/​13, BGHZ 202, 102 Rn. 41 f.; BVerfG, Nicht­an­nah­me­be­schluss vom 04.03.2015 – 1 BvR 3280/​14, m.w.N.[]
  4. vgl. BGH, Urteil aaO; vgl. auch BVerfG aaO[]
  5. BVerfG aaO Rn. 32 m.w.N.[]
  6. vgl. ergän­zend BGH, Urteil vom 10.06.2015 – IV ZR 105/​13, VersR 2015, 876 Rn. 13 f.[]